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Full text of "Flaubert: Ein Selbstporträt nach seinen Briefen"

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FROM THE FUND IN MEMORY OF 







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Alice M. Longfellow 

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JULIE WASSERMANN 



FLAUBERT 



EIN SELBSTPORTRÄT 



NACH SEINEN BRIEFEN 



BERLIN 1907 



OESTERHELD & CO. VERLAG 



1/ 



HARVARD COLLEGE LIBRARY 
LQNQraiOWFUND 



VON DIESEM BUCHE WURDEN 25 NU- 
MERIERTE EXEMPLARE AUF ECHTEM 
JAPANPAPIER ABGEZOGEN, IN GANZ- 
LEDER GEBUNDEN, VON DER ÜBER- 
SETZERIN SIGNIERT UND SIND ZUM 
PREISE VON ZWÖLF MARK NUR DI- 
REKT VOM VERLAGE ERHÄLTLICH. 



PERSÖNLICHKEIT 



Meine Jugend war innerlich sehr schön. Ich 
habe Entzückungen gehabt, die ich nicht 
.mehr wiederfinde, Freunde, die tot oder 
verwandelt sind, ein grosses Vertrauen zu mir selbst, 
herrliche Seelenaufschwünge, etwas Gebieterisches in 
der ganzen Person. Ich träumte von Liebe, Ruhm 
und Schönheit. Mein Herz war weit wie die Welt 
und ich sehnte mich nach den Stürmen des Him- 
mels. Nach und nach nutzte ich mich ab, wurde 
hart, verwelkte. Ich beschuldige Niemanden als 
mich selbst. Ich habe mich in eine unsinnige Ge- 
fühlsgymnastik gestürzt. Ich habe Gefallen daran 
gefunden, meine Sinne zu bekämpfen und mein 
Herz zu quälen. Ich habe die menschlichen Won- 
nen, die sich mir darboten, von mir gewiesen. Mich 
selber leidenschaftlich befehdend, entwurzelte ich 
den Menschen in mir mit beiden Händen, beiden 
Händen voller Kraft und Stolz. Aus dem Baum 
mit dem grün schimmernden Laub wollte ich eine 
nackte Säule machen, um ganz oben auf einem 
Altar ich weiss nicht welche heilige Flamme zu ent- 
zünden . . : . . Darum fühle ich mich mit sechs- 
unddreissig Jahren so leer und oft so müde. 

Ich bin ein Barbar. Von einem Barbaren habe ich die 
Stumpfheit des Muskelsystems, das Schmachten der 
Nerven, die grünen Augen, die hohe Gestalt, aber 



PERSÖNLICHKEIT 

ebenso den Schwung, den Eigensinn und den Jäh- 
zorn. Wir Normannen haben alle ein wenig Most in 
den Adern, ein herbes und gährendes Getränk, das 
zuweilen den Pfropfen sprengt. 

Etwas stimmt in mir nicht. Ich bin ein ge- 
borener Lyriker und schreibe keine Verse. 
'Die ich liebe, möchte ich mit Zärtlichkeiten 
überhäufen und ich mache sie weinen. 

*I T/ TTas meine Arbeitswut betrifft, so möchte ich 
\ A /^ em ^ emem J uc ^ en d en Geschwür vergleichen. 
V V Jammernd kratze ich mich. Es ist zugleich eine 
Lust und eine Qual. Und ich mache das nicht, was 
ich gerne möchte. Denn man wählt nicht seine Stoffe, 
sondern sie drängen sich einem auf. Werde ich je den 
mir bestimmten finden? Wird mir je vom Himmel 
eine Idee herunterfallen, die meinem Temperament 
entspricht? Werde ich das Buch schreiben, in dem ich 
mich ganz hingeben kann? 

Ei ist etwas grausam Köstliches um das Schrei- 
ben. Sich in derartige Qualen hineinzustür- 
zen und nichts anderes zu wollen, darin liegt 
ein Geheimnis, dessen Lösung sich mir entzieht. 
Der Beruf ist vielleicht wie die Vaterlandsliebe (von 
der ich übrigens wenig fühle) ein schicksalsvolles 



PERSÖNLICHKEIT 



Band zwischen Mensch und Dingen. Der Sibirier 
in seinem Schnee und der Hottentotte in seiner 
Hütte leben zufrieden, ohne von Sonne oder Palast 
zu träumen. Etwas, das stärker als sie selber ist, 
kettet sie an ihr Elend und wir, wir kämpfen mit 
Formen. Dichter, Bildhauer, Maler und Musiker 
zugleich, atmen wir das Dasein durch den Satz, die 
Linie, die Farbe, den Wohlklang, und das ist für 
uns das Schönste auf der Welt 

Herrlich ist es zu schreiben, nicht mehr in sich 
zu sein, sondern in der ganzen Schöpfung, 
von der man spricht, zu kreisen. Heute 
zum Beispiel bin ich, gleichzeitig als Mann und Frau, 
Liebhaber und Geliebte, im Wald spazieren geritten 
an einem Herbstnachmittag unter gelben Blättern, 
und ich war Pferd, Blatt und Wind, die Worte, die 
gesprochen wurden und die rote Sonne, vor der die 
liebefeuchten Augenlider sich schlössen. Ist es Stolz 
oder Mitleid, ist es das unbeholfene, kindliche Über- 
fliessen einer übertriebenen Selbstzufriedenheit oder 
ein unbestimmt religiöses Gefühl? Aber, wenn ich 
nach dem Genuss dieses Rausches darüber nach- 
denke, möchte ich dem lieben Gott ein Dankgebet 
sagen, wüsste ich, dass er mich hört Ich preise 
ihn dafür, dass ich nicht als Baumwollhändler oder 
als Lustspieldichter oder als Mann von Geist auf 



PERSÖNLICHKEIT 

die Welt kam. Singen wir Apoll wie in den ersten 
Tagen, atmen wir in vollen Zügen die kalte, freie Luft 
vom Parnass, schlagen wir auf unsere Guitarren und 
Cymbeln und drehen wir uns wie die Derwische 
um das ewige Getöse von Formen und Ideen. 

De einzige Möglichkeit, die Existenz zu er- 
tragen, ist, sich in der Literatur zu betäu- 
ben, wie in einer ununterbrochenen Orgie. 
Der Wein der Kunst erzeugt in mir eine lange 
Trunkenheit und ist unerschöpfbar. An sich selbst 
zu denken, macht unglücklich. 

Ich habe nicht das Gefühl eines erst beginnen- 
den Lebens, die Verwunderung des frisch aufbre- 
chenden Daseins. Es scheint mir im Gegenteil, 
dass ich immer gelebt habe, und meine Erinnerungen 
reichen bis zu den Pharaonen zurück. Ich sehe 
mich sehr deutlich in verschiedenen Zeitabschnitten 
der Geschichte verschiedene Handwerke ausüben, 
sehe mich in mannigfachen Glücksumständen. Meine 
gegenwärtige Person ist das Resultat dieser verschie- 
denen Existenzen. 

Di ich nicht das Morgen sehen kann, möchte 
ich das Gestern sehen. Warum lebte ich nicht 
wenigstens unter Ludwig dem Vierzehnten, mit 
einer großen Perrücke, straff gezogenen Strümpfen und 



PERSÖNLICHKEIT 



der Gesellschaft des Herrn Descartes? Warum lebte 
ich nicht zur Zeit Ronsards, zur Zeit Neros? Wie 
hätte ich mich mit den griechischen Rednern unter- 
halten, wie wäre ich auf den römischen Strassen, in 
den grossen Wagen gefahren und hätte des Abends 
mit den herumwandernden Priestern der Cybele in 
den Wirtshäusern geschlafen? Warum habe ich nicht 
vor allem in der Zeit des Perikles gelebt, um mit 
Aspasia zur Nacht zu essen, die veilchengeschmückt 
zwischen den weissen Marmorwänden Verse sang? 
Das ist alles aus, dieser Traum kommt nie wieder. 
Zweifellos habe ich alles schon einmal erlebt. Sicher 
war ich im römischen Kaiserreich Direktor irgend 
einer wandernden Schauspielertruppe, einer jener 
Käuze, die nach Sizilien gingen, um Frauen zu kaufen, 
aus denen sie Schauspielerinnen machten. 

1 W T" arum bin ich so glücklich in der Einsam- 
\ X /keit? Warum wurde mir von dem Augen- 
V V blick an, da ich in die Wüste kam, so leicht 
und froh zu Mut? Warum habe ich mich als Kind 
stundenlang alleine in ein Zimmer eingesperrt? Die 
Kultur hat bei mir keineswegs den Barbaren um- 
gebracht. Ich glaube, dass trotz des Blutes meiner 
Vorfahren (von denen ich nichts weiss, und die sicher 
sehr anständige Leute waren) etwas vom Skythen, 
vom Beduinen und von der Rothaut, sicher aber 



PERSÖNLICHKEIT 

viel von einem Mönch in mir steckt. Ich habe immer 
die Mönche bewundert, die in Völlerei oder in Mystik 
einsam dahinlebten und damit der menschlischen Ge- 
sellschaft ins Gesicht schlugen. Aber jetzt ist Per- 
sönlichkeit ein Verbrechen. Das achtzehnte Jahr- 
hundert hat die Seele verneint, und es wird vielleicht 
die Arbeit des neunzehnten sein, den Menschen 
zu töten. Möge man lieber vorher ganz zu Grund 
x gehen! Wenn ich bedenke, dass fast alle meine Be- 
kannten sich über meine Lebensführung wundern, 
die mir als die natürlichste der Welt erscheint, so 
gibt mir dies traurige Gedanken über die Verderbnis 
meiner Gattung. Denn es ist Verderbnis, wenn man 
sich nicht selbst genug ist 

Ich hasse meine Mitmenschen und fühle keinerlei 
Verwandtschaft mit ihnen. Ich empfinde ebenso- 
viel Mitgefühl für die Flöhe, die einen Bettler 
beißen, wie für den Bettler selber. Ich bin über- 
zeugt, dass die Menschen nicht mehr untereinander 
verwandt sind, als die Blätter des Waldes sich glei- 
chen. Sie quälen sich gegenseitig, das ist alles. Sind 
wir nicht aus den Ausdünstungen des Weltalls ge- 
schaffen? Das Licht in meinem Auge stammt viel- 
leicht von dem Herd irgend eines unbekannten Pla- 
neten, der eine Milliarde Meilen von dem Leib ent- 
fernt war, der den Fötus meines Vaters entwickelte, 



PERSÖNLICHKEIT 



und wenn die Atome unendlich sind und, wie ein 
ewig dahintreibender Fluss, sich in Formen ergiessen, 
was hält dann die Gedanken fest, was bindet sie? 
Wenn ich einen Kieselstein, ein Tier, ein Bild be- 
trachte, so fühle ich, wie ich eins mit ihnen werde. 
Die Zusammengehörigkeit der Menschen ist nicht 
fester als diese Einheit. Und hierauf beruhen die 
geschichtlichen Schwermutanfälle, die Sympathien 
durch die Jahrhunderte usw. Annäherung der Mole- 
küle, die sich drehen, sagen die Epikuräer, gut, aber 
die Moleküle meines lebendigen Körpers kreisen 
schwerlich im All. Ich fühle mich nicht verpflichtet, \ 
einen Dummkopf, weil er nicht vier Füsse wie ein \ 
Esel, sondern zwei, wie ich hat, deshalb zu lieben, i 
oder nur so zu tun, als ob ich ihn liebte. ( 

Die Menschheit hasst uns, wir dienen ihr nicht, 
und wir hassen sie, weil sie uns verwundet 
Lieben wir uns also in der Kunst, wie die 
Mystiker sich in Gott lieben, und möge alles vor 
dieser Liebe erblassen. Mögen die andern Kerzen 
des Lebens (die alle übel riechen) vor dieser grossen 
Sonne verschwinden. In Zeitaltern, wo jedes ge- 
meinsame Band zerrissen ist und die Gesellschaft 
nur ein grosses mehr oder minder gut verwaltetes 
Strassenräubertum vorstellt, die Begierden des Flei- 
sches und des Geistes wie Wölfe aufeinander los- 



PERSÖNLICHKEIT 

stürzen, muss man, wie alle Welt, sich einen Egois- 
mus zurechtmachen (nur einen schöneren) und in 
seinem Schlupfwinkel leben. Von Tag zu Tag fühle 
ich, wie sich zwischen der Welt und mir eine Kluft 
bildet, die sich immer mehr erweitert, und es ist 
mir recht. Denn dort, wo ich Sympathien empfinde, 
wächst dafür meine Fähigkeit des Verständnisses in 
dem Masse, als die Kluft grösser wird. 

1 y Tr ie wir unsere Leiden lieben. Ich klammere 
\ X / mich an ein Trugbild von Stil, das mir Kör- 
V V per und Seele abnützt, aber wir sind vielleicht 
nur durch unsere Leiden etwas wert, denn. sie sind 
i immer Sehnsüchte. Es gibt so viele Menschen, 
* deren Freude so unrein und deren Ideal so be- 
grenzt ist, dass ich mein Unglück segnen will, wenn 
es mich nur würdiger macht. 



8 



EIGENES SCHAFFEN 



Der französische Geist ist von Unterhaltungs- 
wut besessen, er bedarf der grellen Farben, 
so dass er sich wenig um das, was für mich 
das Wesen der Poesie ist, kümmert. Er legt das 
Hauptgewicht auf die Auseinandersetzung, sei es 
malerisch durch das Bild oder moralisch durch die 
psychologische Analyse. Daher kommt es, dass ich 
ihm vielleicht pöbelhaft erscheine. Seit jeher leide 
ich darunter, in der französischen Sprache schreit] 
ben und denken zu müssen. Im Grunde bin ich! 
ein Deutscher, nur durch das Studium habe ich 
mich von den nördlichen Nebeln befreit 

„L'EDUCATION SENTIMENTALE." 

In mir sind, literarisch gesprochen, zwei verschie- 
dene Menschen: einer liebt lyrische Ausbrüche, j 
hohen Adlerflug, alle Wohlklänge des Satzes und I 
die Gipfel der Idee, der andere ergründet und durch- j 
wühlt die Dinge, bringt gern die kleine Tatsache \ 
so stark zur Geltung als die grosse und will vor 
allem gestaltete Wahrheit geben, lacht gerne und J 
liebt es, sich am Tierhaften im Menschen zu ergötzen. 
Die „Education" war ein unbewusster Versuch von 
mir, diese beiden Bestrebungen zu verschmelzen. 
Leichter wäre es gewesen, aus dem kritischen das 
eine und aus dem lyrischen das andere Buch zu 
machen. Ich bin gescheitert. Zu viel fehlt in die- 



EIGENES SCHAFFEN 



sein Buch, und immer ist ein Buch durch das, was 
nicht darin ist, schwach. Eine Kraft ist niemals 
ein Fehler, es gibt darin kein Übermass, aber wenn 
eine Tugend eine andere frisst, ist es dann noch 
immer eine Tugend? Kurz zusammengefasst, es 
wäre, neben anderen Verbesserungen, in der „Edu- 
cation Sentimentale" noch ein neues Kapitel zu schrei- 
ben, in dem ich zeigen müsste, warum jene Hand- 
lung in dieser Person dies und kein anderes Resultat 
herbeiführte. Die Motive sind gezeigt, die Resul- 
tate auch, aber nicht die Verkettung. Dies ist das 
Gebrechen des Buches und darum straft es seinen 
Titel Lügen. 

Ich möchte in diesem Buch die moralische Ge- 
schichte der Menschen meiner Zeit schreiben oder 
vielmehr die Gefühlsgeschichte. Es ist ein Buch 
der Liebe, der Leidenschaft, einer Leidenschaft, wie 
sie jetzt bestehen könnte, nämlich einer untätigen. 
Ich glaube, dass der Stoff, wie ich ihn auffasse, tief 
wahr ist, aber grade deshalb nicht sehr unterhaltend. 
Die Tatsachen, das Drama fehlen ein wenig, und 
dann ist die Handlung auf einen zu beträchtlichen 
Zeitraum ausgedehnt. 



E 



s quält mich, dass in meinem Buch das Ele- 
ment des Amüsanten recht mittelmässig ist 
Die Handlung fehlt. Ich behaupte, dass Ideen 



10 



EIGENES SCHAFFEN 



Handlu ngen sind. Ich weiss, dass es schwer ist, 
durch sie zu interessieren; aber das ist dann ein 
Mangel des Stils. So habe ich fünfzig Seiten nach- 
einander, in denen nicht ein Ereignis vorkommt 
Es ist fortgesetzt das Bild bürgerlichen Lebens und 
einer untätigen Liebe, einer Liebe, die um so schwie- 
riger zu malen ist, als sie zugleich schüchtern und 
tief, aber leider ohne inneren Sturm ist. Schon im 
ersten Teil kommt ein analoger Fall vor: mein Ehe- 
mann liebt seine Frau fast auf dieselbe Art, wie 
mein Liebhaber, es sind also in derselben Umge- 
bung zwei Durchschnittsmenschen darzustellen, die 
unterscheidbar sein müssen. Ich glaube, wenn es 
mir gelungen ist, dann wird es sehr stark sein, 
denn es ist Farbe auf Farbe gesetzt und ohne 
grelle Töne. Ich fürchte aber, dass alle diese Fein- 
heiten langweilen, und dass der Leser lieber Be- 
wegung sähe. Schliesslich muss man es so machen, 
wie es einem in der Urvorstellung vorgeschwebt ist 
Brächte ich Handlung hinein, so wäre ich systema- 
tisch und würde alles verderben. Man muss singen, 
wie die Stimme in der Kehle beschaffen ist, die meine 
wird niemals dramatisch sein und niemals fesselnd. 

Der Wert meines Buches besteht in meiner 
Fähigkeit, auf einem Haar zu schreiten, das 
über dem doppelten Abgrund aufgespannt 



// 



EIGENES SCHAFFEN 



ist, der zwischen Lyrismus und Gewöhnlichkeit klafft, 
und den ich in einer zergliedernden Erzählung über- 
winden möchte. Es wird mir schwindelig bei dem 
Gedanken, was das sein könnte, aber wenn mir 
dann weiter einfällt, wie viel Schönheit mir anver- 
traut ist, kommen Angstzustände über mich und 
ich möchte mich verkriechen. Ich habe mein ganzes 
Leben in dem Eigensinn eines Wahnsinnigen gelebt, 
indem ich meine andern Fähigkeiten von mir wies, 
sie in Käfigen einsperrte, um sie nur zur Zerstreuung 
zu betrachten. Wenn ich je ein schönes Werk zu- 
sammenbringe, so habe ich es wohl verdient. 

/^ N V chön scheint mir und gerne würde ich so et- 
^^^ was schreiben: ein Buch ohne jeden äusseren 
^_ / Rückhalt, das sich durch sich selber halten 
würde aus der inneren Kraft seines Stiles, wie die 
Erde in der Luft schwebt, ohne gestützt zu werden, 
1 ein Buch, das fast keinen Stoff hätte, oder in dem 
der Stoff fast unsichtbar wäre, wenn das möglich 
ist. Die schönsten Werke sind die, die am wenig- 
sten Stoff zeigen. Je mehr der_Ausdruck sich xlem 
Gedanken nähert, umsomehr schmiegt sichL das Wort 
ihm~~anj T um "so" schöner wirkt es. Ich glaube, dass 
die "Zukunft der Ktmstin diesen Bahnen geht. Ich 
sehe, wie sie um so durchgeistigter wird in dem 
Mass, als sie wächst. Dies war so von den ägyp- 



12 



EIGENES SCHAFFEN 



tischen Portalen angefangen bis zu den gotischen 
Spitzbogen und von den zwanzigtausend Versen der 
indischen Gedichte an bis zu der Lyrik Byrons. 
Wenn die Form schmiegsamer wird, so wird sie 
zugleich dünner. Sie vernachlässigt das Epos um 
des Romans willen und den Vers um der Prosa 
willen. Aus Orthodoxie wird sie entfesselt und ist 

so frei wie jeder Wille, der sie erzeugt. 

Darum gibt es weder schöne noch hässliche Stoffe; 
und vom Standpunkt der reinen Kunst aus könnte 
man fast den Lehrsatz aufstellen, dass es überhaupt 
keinen gibt. Der Stil an sich selbst ist ein Absolutes. 
Wenn ich einmal alt bin und über nichts Besseres 
mehr zu reden weiss, will ich über all das schreiben. 

Die Schwierigkeit des Schreibens wird mir um 
Iso fühlbarer, je kühner ich werde. (Das 
bewahrt mich vor der Pedanterie, in die 
ich sonst zweifellos verfallen würde.) Ich habe Pläne 
für Werke bis ans Ende meines Lebens, und wenn 
bittere Augenblicke für mich kommen, in denen 
ich vor Wut heule, weü sie mir so sehr das Ge- 
fühl meiner Ohnmacht und Schwäche geben, so 
gibt es andere, in denen ich vor Freude mühsam 
meine Fassung bewahre: etwas Tiefes und äusserst 
Wollüstiges bricht aus mir in Strahlenstürzen wie 
eine Ergiessung der Seele. Ich fühle mich von 



EIGENES SCHAFFEN 



meinen eigenen Gedanken hingerissen und ganz 
trunken, als käme durch eine Spalte meines In- 
nern eine Wolke heisser Düfte über mich. Ich 
werde es nie sehr weit bringen, ich weiss alles, was 
mir fehlt, aber ein Anderer wird die Aufgabe, die 
ich unternahm, zu Ende führen. Ich werde einen 
Begabteren, besser Geborenen auf den Weg gebracht 
I haben. Der Prosa den Rhythmus des Verses geben 
! zu wollen, während man sie Prosa sein lässt, durch- 
■ aus Prosa, und über das gewöhnliche ^eben so zu 
, schreiben, als wäre es Geschichte oder Heldenge- 
dicht, ohne seiner Natur Gewalt zu tun, ist viel- 
• leicht etwas Aberwitziges, sage ich mir manch- 
| mal, aber es ist ein sehr grosser und sehr eigen- 
artiger Versuch. Ich fühle wohl meine Schwächen 
(wäre ich 15 Jahre alt!). Immerhin wird mein Wert 
darin bestehen, dass ich meinen Weg eigensinnig 
durchgesetzt habe. Und wer weiss? Vielleicht finde 
ich eines Tages ein gutes Motiv, eine Sangweise, 
die meiner Stimme vollkommen liegt, nicht über und 
nicht unter ihrer Kraft, und ich werde schliesslich 
mein Leben auf eine vornehme und oft köstliche 
Art verbracht haben. 

Ich bin, wie Prudhomme, der Ansicht, dass die 
schönste Kirche diejenige ist, welche zugleich die 
.Pfeiler vom Strassburger Dom, die Säulen von 



H 



EIGENES SCHAFFEN 



Sankt Peter und die Portica vom Parthenon hätte. Ich 
habe Ideale, die einander widersprechen, daher die 
Verlegenheit, der Stillstand, die Ohnmacht meines 
Schaffens. 

„MADAME BOVARY." 

Gibt es einen, der das Altertum mehr geliebt 
'hat als ich, der mehr von ihm träumte und 
alles tat, um es kennen zu lernen? Und 
trotzdem habe ich (in meinen Büchern) so wenig 
als nur irgend einer etwas von ihm. Nach meinem 
Aussehen müsste man glauben, dass ich Epik oder 
Drama, Brutalität der Tatsachen, schreibe, während 
ich doch an Gegenständen der Analyse und der 
Anatomie Gefallen finde. Im Grund bin ich ein 
Mensch der Nebel und habe mich durch Geduld 
und Studium von dem weisslichen Fett befreit, das 
meine Muskeln durchweichte. Ich strebe am meisten 
nach jenen Büchern, für die ich am wenigsten Mittel 
besitze. In diesem Sinn wird die Bovary eine un- 
erhörte Kraftanstrengung gewesen sein, von der nur 
ich allein etwas weiss: Gegenstand, Personen, Wir- 
kung, alles ist meinem Wesen fremd. Doch wird 
mir diese Arbeit für die Zukunft sehr förderlich sein. 
Ich komme mir beim Schreiben dieses Buches vor 
wie ein Mann, der mit Bleikugeln an jedem Finger 
Klavier spielt Aber wenn ich erst ein mal meine 

'5 



EIGENES SCHAFFEN 



Fingerfertigkeit gewonnen habe, und ich finde die 
Melodie nach meinem Sinn, dann werde ich mit 
hochgehobenen Armen spielen und es wird viel- 
leicht gut sein. 

~T""V7~7"enn jemals die Wirkungen einer Sympho- 
\ X /nie in ein Buch hineingetragen wurden, so 
V Y geschah es hier. Es muss sein, als ob ein 
Heulen durch das Ganze geht, dass man gleich- 
zeitig Stiergebrüll, Liebesseufzer und die Sätze eines 
Verwaltungsbeamten hört, und über all dem liegt 
Sonne und Wind. Im Vergleich mit dieser Auf- 
gabe waren die schwierigsten Stellen im heiligen 
Antonius ein Kinderspiel. 

Ich komme so langsam vorwärts in diesem Buch, 
weil nichts darin aus mir selber gezogen ist; nie- 
mals ist mir meine Persönlichkeit unnützer ge- 
wesen. Vielleicht werde ich später etwas Stärkeres 
schreiben, schwerlich aber jemals etwas Geschickteres: 
alles ist darin Kopf. Verfehle ich mein Ziel, so ist es 
immerhin eine gute Übung gewesen. Was für mich 
das Natürliche ist — das Phantastische, M etaphy- 
sisctie, das mythologische Semi^j3aX^Äai£heulen 
— ist anSeren ~6tWaS Xüssergewöhnliches. 

„Der heilige Antonius" hat mich nicht den dritten 
Teil der geistigen Anspannung gekostet, wie die Bo- 



16 



EIGENES SCHAFFEN 



vary, es war ein Erguss, der mir nur Erquickung 
bereitete und die 18 Monate, die ich damit ver- 
brachte, waren die lustvollsten meines Lebens. 

Der Satz in „Madame Bovary" fällt mir sehr I 
schwer. Ich muss äusserst gewöhnliche Leute J 
in geschraubter Art miteinander sprechen/ 
lassen und die Feinheit der Sprache raubt dem Aus-i 
druck das Malerische. / 

Nur durch die Sehnsucht erhalten wir Wert. 
Eine Seele ist nach der Grösse ihres Wun- 
sches zu messen, so wie man die Kathe- 
dralen im Vorhinein nach der Höhe ihrer Glocken- 
türme beurteilt, und darum hasse ich die bürgerliche 
Poesie, die Familienkunst, obwohl ich selber solche 
schreibe, aber sicher zum letzten Mal, denn im 
Grunde ekelt sie mich an. Diese Madame Bovary, 
ein Buch, das ganz aus Berechnung und Stilschlau- 
heiten besteht, ist nicht von meinem Blut. Ich 
trage es nicht in meinem Innern, ich fühle, dass 
es eine gewollte, künstliche Sache ist Vielleicht 
wird es ein Kraftstück, das gewisse Leute (eine 
kleine Anzahl) bewundern; andere werden darin 
Wahrheit des Details und der Beobachtung finden. 
Aber Luft! Luft! Die grossen Wendungen, die 
grossen und vollen Satzgefüge, die sich wie Flüsse 



EIGENES SCHAFFEN 



ergiessen, die Vielfältigkeit der Bilder, die grossen 
Ausbrüche des Stils, alles schliesslich, was ich liebe, 
wird nicht in ihm sein. Aber vielleicht wird es 
mich vorbereiten, einmal ein gutes Buch zu schreiben. 

■ w 'w r -y-ie ich mich danach sehne, mit der Bovaiy, 

\ Y / Anubis und meinen drei Erzählungen fertig 

V V 2U werden, um eine neue Epoche beginnen 

zu können, in der ich mich der reinen Schönheit 

widmen will. Der Müssiggang, in dem ich seit eini- 

iger Zeit lebe, gibt mir den frommen Wunsch, alles, 
was „ich" gefühlt habe, in Kunst zu verwandeln. 
Nicht, dass ich das Bedürfnis empfinden würde, 
{„Erinnerungen" zu schreiben, meine Person selbst 
stösst mich ab, und das unmittelbar Stoffliche er- 
scheint mir hässlich und dünn. 

Das Leben ist so kurz. Ich werde nie so schrei- 
ben können, wie ich möchte, nicht den vier- 
ten Teil von dem, was ich träume. Mit 
der ganzen Kraft, die man in sich fühlt und die 
einen erstickt, wird man eines Tages sterben müs- 
sen, ohne dass es einem je gelang, sie völlig zu 
ergiessen. 

J Tch nehme für immer Abschied vom Persönlichen, 

I Intimen, Bezüglichen in der Kunst. Den alten 

XPlan, später einmal meine Erinnerungen nieder- 

18 



EIGENES SCHAFFEN 



zuschreiben, gebe ich auf. Nichts, was auf meine 
Person Bezug hat, verlockt mich. Das, woran die 
Jugend hing (so schön es durch die Perspektive 
der Erinnerung und die bengalische Beleuchtung 
des Stils sein könnte), hat keinen schöpferischen 
Reiz mehr für mich. Möge es tot sein, um nie 
mehr lebendig zu werden. Wozu? Ein Mensch 
ist nicht mehr als ein Floh. Mögen unsere Freu- 
den wie unsere Schmerzen in unserem Werk sich 
auflösen. Man kann nicht die Wassertropfen, in 
den Wolken erkennen, die Sonne nicht im Tau, 
der von ihr beschienen wird. Tränen vergangener 
Tage, verdunstet wie irdischer Regen und werdet 
am Himmel zu riesigen, ganz von der Sonne durch- 
glühten Wolkenlauben! , 
Meine Begierde nach Bildhaftigkeit verzehrt mich. ; 
Alles, was ich sehe, möchte ich künstlerisch wieder- 
geben, nicht so, wie es ist, sondern umgewandelt. 
Es wäre mir unmöglich, die wunderbarste wirkliche 
Tatsache in einer genauen Erzählung darzustellen. 
Ich müsste sie noch besticken. 

Ist es ein Anzeichen des Alters, das ich Moralist 
werde? Sicher wende ich mich der hohen Ko- 
mödie zu. Zuweilen erfasst mich eine wütende 
Sucht, die Menschen zu beschimpfen und das werde 
ich eines Tages, so in zehn Jahren, in irgend einem 



19 



EIGENES SCHAFFEN 



langen Roman mit breitem Rahmen ausführen. In- 
zwischen ist mir ein alter Gedanke wieder einge- 
fallen: mein Plan von dem Wörterbuch der über- 
nommenen Ideen. Vor allem regt mich die Vor- 
rede sehr an. Ich würde sie in einer Art entwerfen 
(es wäre ein ganzes Buch), dass kein Gesetz, ob- 
wohl ich jedes angreife, mir etwas anhaben könnte. 
Es wäre die historische Verherrlichung von allem, 
was allgemein gebilligt wird. Ich werde nachweisen, 
dass die Majoritäten immer Recht gehabt haben, 
die Minoritäten immer Unrecht. Ich werde die 
grossen Männer allen Dummköpfen, die Märtyrer 
allen Schlächtern aufopfern, und das alles in einem 
bis auf die Spitze getriebenen Raketenstil. So wäre 
für die Literatur das leichte, mittelmässige im Be- 
reich von Allen Liegende als das einzig Rechtmässige 
aufzustellen und demnach jede Eigenart als gefähr- 
lich, dumm usw. zu verhöhnen. Diese Verteidigung 
von menschlichen Niederträchtigkeiten jeder Gestalt, 
ironisch und heulend vom Anfang bis zum Ende, 
voll von Zitaten, Beweisen (die das Gegenteil be- 
wiesen) und erstaunlichen Texten, die leicht zu fin- 
den wären, hätte den Zweck, allen Excentricitäten, 
{ was immer für welchen, ein Ende zu machen. Da- 
! mit wäre ich bei den modernen demokratischen 
. Ideen der Gleichheit angelangt, in dem Wort Four- 
\ niers, dass die grossen Männer unnütz wurden. Und 



20 



EIGENES SCHAFFEN 



in diesem Sinn, werde ich sagen, ist dieses Buch 
geschrieben. Man wird darin in alphabetischer Ord- 
nung über alle möglichen Gegenstände alles das 
finden, was man in Gesellschaft sagen muss, um 
ein anständiger und liebenswürdiger Mensch zu sein. 
Ich glaube, dass das Ganze von riesigem Gewicht 
wäre. In diesem ganzen Buch wäre nicht durch 
ein einziges Wort meine eigene Denkweise ausge- 
drückt, aber wenn man es einmal gelesen hat, müsste 
es so sein, dass man sich kaum zu sprechen traut, 
aus Angst, unbeabsichtigt einen Satz zu sagen, der 
in diesem Wörterbuche steht. Übrigens wären einige 
Paragraphen ein sehr geeigneter Stoff für prachtvolle 
Erörterungen, z. B. über Mann, Frau, Freund, Po- 
litik, Verwaltungswesen. Und man könnte in we- 
nigen Strichen Typen zeichnen, um nicht nur das, 
was man sagen muss, sondern auch was man schei- 
nen muss, darzustellen. 

MSalammbö. 
an weiss nichts von der Stadt Karthago. 
Nach zwei oder drei Sachen, die ich ge- 
- sehen habe, bin ich fast sicher, dass meine 
Vorstellungen von ihr richtig sind. Doch dies ist 
ohne Belang, es handelt sich darum, einer gewissen, 
schwebenden Idee zu entsprechen, die man sich 
gebildet hat. Ich muss in der Darstellung die Mitte 
finden zwischen Schwulst und Wirklichkeit. 



21 



EIGENES SCHAFFEN 



Ich bin überzeugt, dass die guten Bücher nicht 
auf die Art wie dieses entstehen. Es wird kein 
gutes Buch sein. Immerhin, wenn es nur von 
grossen Dingen träumen lässt Wir haben mehr 
Wert durch unsere Sehnsucht als durch unsere Taten. 

Endlich beginne ich, mich in meinem Buch zu 
unterhalten. Alle Tage stehe ich zu Mittag 
auf und lege mich um vier Uhr früh nieder. 
Ein Eisbär ist nicht einsamer und ein Gott nicht 
ruhiger. Es war Zeit. Ich denke an nichts anderes 
mehr als an Karthago, und so soll es sein. Ein 
Buch war für mich immer nur eine Art, in irgend 
einer Welt zu leben; das erklärt mein Zögern, meine 
Angst und meine Langsamkeit. 



22 



KUNST 

Zuweilen (an meinen grossen Sonntagen) erliege 
ich einem Glanz, einer Begeisterung, die mich 
am ganzen Körper erschauern lässt, einem 
Seelenzustand, der dem Leben so überlegen scheint, 
dass der Ruhm einem bedeutungslos und selbst das 
Glück überflüssig wird. Wenn die Welt, statt uns im 
Morast ununterbrochener feindlicher Verschwörung 
ersticken zu lassen, im Gegenteil gesunde Lebensnor- 
men böte, vielleicht gäbe es dann ein Mittel iür die 
Ästhetik das zu finden, was der Stoizismus für die 
Moral erfand. Die griechische Kunst war keine Kunst, 
es war die wurzelständige Lebensnorm eines ganzen 
Volkes, einer ganzen Rasse, des Landes selbst 

Die Zeit der Schönheit ist vorüber. Die Mensch- 
heit denkt nicht daran, zu ihr zurückzukehren und 
schätzt sie nicht mehr. Je weiter sie fortschreiten 
wird, um so wissenschaftlicher wird sie werden, so 
wie die Wissenschaft einst Kunst sein wird. Beide 
werden sich auf dem Gipfel vereinigen, wie sie sich 
in der Niederung getrennt hatten. Kein mensch- 
licher Gedanke kann voraussehen, in welch strahlen- 
den seelischen Sonnen die Werke der Zukunft ein- 
mal aufblühen werden. Unterdessen weilen wir auf 
einem Gang, der mit Schatten angefüllt ist, wir 
tasten in der Finsternis. Das Gleichgewicht fehlt 
uns, die Erde entgleitet unter den Füssen. Der 
Stützpunkt versagt sich uns, Literaten und Schrift- 

2 l 



KUNST 

steller, die wir sind. Und wozu dies alles? Wel- 
ches Bedürfnis erfüllt dies Geschwätz? Von der 
Menge zu uns führt kein Band: um so schlimmer 
für die Menge, um so schlimmer vor allem für uns. 
Aber jedes Ding hat seine Vernunft, und wie die 
Phantasie eines Individuums mir ebenso rechtmässig 
erscheint, wie der Appetit von Millionen Menschen, 
und ebenso seinen Platz in der Welt inne hat, so 
möge man, losgelöst von den Dingen und unab- 
hängig von der Menschheit, die uns verleugnet, sei- 
ner Berufung leben, auf seinen Turm von Elfen- 
bein steigen und dort gleich einer Bajadere, die 
unter Wohlgerüchen ihren Träumen lebt, alleine 
bleiben. 

Zuweilen erfüllt mich grosse Sehnsucht, eine grosse 
Leere. Mitten in meinem reinsten Glück grinsen 
mich Zweifel an: und doch möchte ich diesen Zu- 
stand mit nichts in der Welt vertauschen, denn 
mein Gewissen sagt mir, dass ich meine Pflicht 
erfülle und einer höheren Bestimmung gehorche, 
dass ich das Gute tue und im Rechten bin. 

Ich glaube an einen Stil, einen Stil, der so schön 
ist, den irgend einer in zehn Jahren schreiben 
.wird und der rhythmisch wäre wie der Vers, deut- 
lich wie die Sprache der Wissenschaft, mit den 
Wellenlinien, den Anschwellungen des Violoncelles, 

24 



KUNST 

dem Sprühspiel des Feuers. Ein Stil, der in un- 
sere Ideen eindränge, wie der Stoss eines feinen 
Dolches — in dem unsere Gedanken wie auf glat- 
ten Flächen gleiten würden, wie man in einem Boot 
dahinfährt, mit gutem Wind im Segel. Die Prosa ist 
jüngstgeboren, das muss man sich sagen. Der Vers 
ist recht eigentlich die Form der antiken Literaturen. 
Alle Zusammenstellungen der Prosodie sind schon 
gemacht worden, von denen der Prosa ist man * 
noch weit entfernt. 

Nicht der Stil, noch die Biegsamkeit des Bogens 
und der Finger, die man als Talent bezeich- 
net, fehlen uns. Wir haben ein zahlreiches 
Orchester, eine reiche Palette, mannigfaltige Mittel. 
Wir haben viel mehr Feinheiten und Kunstgriffe, 
als man jemals hatte. Aber uns fehlt das Prinzip \ 
des Innerlichen. Die Seele des Dinges, die Idee 
des Gegenstandes. Wir machen uns Aufzeichnungen, 
wir reisen. Erbärmlichkeit, Erbärmlichkeit. Wir wer- 
den Gelehrte, Archäologen, Geschichtsforscher, Ärzte, 
Stümper und Geschmacksmenschen. Was hilft das/ 
alles? Aber das Herz? der Schwung, der Geist?/ 
Von wo ausgehen und wohin? 

Etwas Dummes verdirbt und hemmt uns, näm- 
lich der gute Geschmack. Wir haben zu viel 
' davon. Wir sind Kritiker, haben eine Poetik, 

25 



KUNS T 

vorgefasste Ideen, mit einem Wort: Regeln, ganz 
wie Delille und Marmontel. Was uns fehlt, ist der 
Mut. Durch die Gewissenhaftigkeit gleichen wir 
jenen armen Frommen, die aus Angst vor der Hölle 
nicht leben und am frühen Morgen ihren Beicht- 
vater aufwecken, um sich verliebter nächtlicher 
Träume anzuklagen. Sorgen wir uns nicht so sehr 
um das Ergebnis! Lie ben wir, lig ben^jyir! Was 
kümmert uns das Kind, mit dem die Muse nieder- 
kommt — liegt nicht das reinste Glück in den 
Küssen? 

\ Af 7* ie das Wesen der Tugenddie Beständig- 
\ A / keit ist, so entsteht der Stil durch die Stetig- 
V V keit. Um guter Schwimmer zu sein und ge- 
gen die Strömung schwimmen zu können, muss der 
ganze Körper vom Kopf bis zum Fussende in der- 
selben Linie liegen. Man zieht sich zusammen wie 
eine Kröte und breitet sich auf der Oberfläche aus, 
die Zähne zusammenbeissend : ebenso muss es die 
Idee in den Worten machen, sie darf keineswegs 
nach rechts und links ausschlagen, was ermüdet 
und nicht vorwärts führt. 

"Alle Schwierigkeiten, die man beim Schreiben emp- 
| f\ findet, entstehen aus dem Mangel an Ordnung. 
*X X-Wenn man eifrig über eine Wendung nach- 

26 



KUNST 

denkt, ohne dass sie einem einfällt, ist die Ursache 
sicher die, dass man die Idee nicht besitzt. Hat 
man das Bild oder das Gefühl sehr genau inne, 
dann ergibt sich das Wort. 

Die Kunst darf sich nicht mit der Person des 
Künstlers vermengen. Um so schlimmer für 
ihn, wenn er rot, grün oder gelb nicht liebt, 
alle Farben sind schön, es handelt sich darum, sie 
malen zu können. 

Man muss kälter schreiben; hüten wir uns 
vor jener Erhitzung, die man Eingebung 
nennt, und bei der oft mehr nervöse Er- 
regung mitspielt als Muskelkraft 

^y w t enn man eine Sache gut machen will, dann 
\ X /muss sie einem in den Organismus überge- 
V V gangen sein. Ein Botaniker darf weder die 
Hände noch die Augen oder den Kopf so beschaf- 
fen haben wie ein Astronom und wird die Sterne 
nicht so, wie jener die Gräser betrachten. Aus die- 
ser Verbindung von Anlage und Erziehung ergibt 
sich der Takt, der Einfall, der Geschmack, mit 
einem Wort: die Eingebung. Wie oft sagte nicht 
mein Vater, dass er die Krankheiten erriete, ohne 
zu wissen wieso. Aus demselben Gefühl, aus dem 
er instinktiv das Heilmittel fand, verfallen wir auf 

2J 



KUNST 



das Wort. Aber dazu muss man für das Handwerk 
geboren sein und es lange Zeit hindurch mit Leiden- 
schaft ausgeübt haben. 

Das Element des Empfindsamen wird schuld 
sein, dass man einmal die zeitgenössische 
Literatur für kindisch und ein wenig albern 
ansehen wird. Wieviel Gefühl ist darin aufgewen- 
det und abermals Gefühl und was für Tränenbäche. 
Niemals haben je so brave Leute gelebt. Vor allem 
muss Blut in den Sätzen sein und nicht Lymphe, 
und wenn ich Blut sage, meine ich das Herz, das 
schlagende, zitternde, erregte, das die Bäume sich 
lieben und die Felsen erzittern macht. 

wie Kunst darf bei Gefahr des Verfalles nicht 
[die Kanzel für irgend einen Lehrsatz sein. 
Man fälscht immer die Wirklichkeit, wenn 
man aus ihr Schlüsse ziehen will, was Gott allein 
gebührt. Kann man denn durch eine Dichtung wahr 
wirken? Geschichte und Naturwissenschaft sind 
die Musen der heutigen Zeit, die uns neue Welten 
aufschliessen werden. Nur nicht wieder ins Mittel- 
alter zurückkehren. Vielleicht wird es nach Jahr- 
hunderten des Studiums einem gegeben sein, zu- 
sammenfassen zu dürfen. Die Wut, Schlüsse zu 
ziehen, ist eine der verderblichsten und unfrucht- 
barsten Narrheiten. Jede Religion und jede Philo- 



D 



28 



KUNST 



sophie glaubte Gott zu besitzen, die Unendlichkeit 
abzuschätzen und das Rezept des Glückes zu kennen, 
Welcher Hochmut und welche Niedrigkeit Ich sehe 
hingegen, dass die grössten Geister und die gross- 
ten Werke niemals Schlüsse gezogen haben. Homer, 
Shakespeare, Goethe, alle ältesten Söhne Gottes 
(wie Michelet sagt) hüteten sich, je anderes zu tun 
als darzustellen. Wir wollen den Himmel erstür- 
men, gut, aber erweitern wir erst unser Herz. Wir, 
Männer der göttlichen Sehnsucht, stecken alle bis 
zum Hals im Kot der Erde. Das Barbarentum 
des Mittelalters umschlingt uns mit tausend Vorur- 
teilen und Missbräuchen. 



•i 



Möge man nicht die Unpersönlichkeit als das 
Zeichen der Kraft ansehen. Man muss 
den Gegenstand förmlich verschlucken, in 
seinem Blute kreisen lassen, so dass er sich nach 
aussen wieder abbildet, ohne dass man das Ge- 
ringste von dieser wunderbaren Chemie begreifen 
kann. Möge unser Herz nur dazu schlagen, das 
der Andern zu fühlen. Seien wir Spiegel, die die 
Wahrheiten des Daseins vergrössern. 

Damit ein Buch Wahrheit ausatme, muss es 
ganz voll von seinem Stoff sein. Dann 
kommt die Farbe ganz natürlich als unver- 
meidliches Ergebnis, wie eine Blüte der Idee. 

29 



1 



KUNST 

FV^ormendichter, das ist das grosse Wort, das 
die Utüitarier den wahren Künstlern entgegen- 
schleudern. Solange man nicht in einem ge- 
gebenen Satz Inhalt und Form trennen kann, so- 
lange werde ich daran festhalten, dass dies zwei 
sinnlose Worte sind. Es gibt keinen schönen Ge- 
danken ohne schöne Form und umgekehrt. Die 
Schönheit sickert aus der Form in die Welt der 
Kunst, wie Versuchung und Liebe durch unsere 
Welt. So wie man von dem leibhaftigen Körper 
nicht die Eigenschaften abziehen kann, die seine Be- 
schaffenheit sind (z. B. Farbe, Ausdehnung, Festig- 
keit), ohne dass der Körper zu einer leeren Ab- 
straktion wird, ohne dass wir ihn also zerstören, 
ebensowenig wird man von der Form die Idee ab- 
ziehen können, denn die Idee existiert durch die 
Kraft der Form. Eine Idee ohne Form ist ein Unding, 
ebenso wie eine Form, die nicht eine Idee ausdrückt 
Das ist ein ganzes Bündel Dummheiten, von der die 
Kritik lebt. Man wirft den Leuten, die einen guten 
Stil schreiben, vor, dass sie die Idee vernachlässi- 
gen, den moralischen Zweck. Als wäre es nicht 
der Zweck des Arztes zu heilen, des Malers zu 
malen, der Nachtigall zu singen, als wäre nicht der 
Zweck der Kunst vor allem die Schönheit. 

Man beschuldigt die Bildhauer der Sinnlichkeit, 
wenn sie wahrhaftige Frauen bilden mit Brüsten, 



KUNST 

die Milch geben können, und mit Hüften, die Frucht- 
barkeit anzeigen; würden sie hingegen Figuren mit 
falschen Faltenwürfen drapieren, Gesichter bilden, 
die so flach wie Schilder sind, dann würde man 
sie Idealisten nennen oder Spiritualisten. Er ver- 
nachlässigt die Formen, würde man sagen, aber er 
ist ein Denker, und darüber schlagen sie Lärm und 
zwingen sich, was sie langweilt, zu bewundern. Es 
ist leicht, mit einer gebräuchlichen Ausdrucksweise 
und zwei oder drei allgemeingültigen Ideen für einen 
Schriftsteller zu gelten, der Sozialist ist, Vertreter der 
Interessen, Erneuerer und Vorläufer jener gepredigten 
Zukunft, von der die Armen und die Narren träu- 
men. In dieser Weise wird allgemein verfahren, 
man errötet über sein Handwerk. Ganz einfach 
Romane oder Verse schreiben, Marmor behauen, 
das war früher gut, als noch keine «soziale Mission 
bestand, jetzt muss jedes Werk seinen moralischen 
Sinn haben, seine akademische Belehrung, ein So- 
nett muss von philosophischem Gewicht sein, ein 
Drama muss den Monarchen auf die Finger klopfen 
und ein Aquarell die Sitten mildern. Das Advo- 
katentum schleicht sich überall ein, die Lust zu 
schwätzen, hochtrabend zu reden, zu verteidigen. 
Die Muse wird zum Postament von tausend Be- 
gehrlichkeiten. Armer Olymp! Sie sind fähig, auf 
deinem Gipfel ein Kartoffelfeld zu pflanzen! 



KUNST 

Nim sind es zweihundert Jahre, dass die fran- 
zösische Literatur nicht Luft geschöpft hat 
und vor der Natur ihre Fenster verschlos- 
sen hält. Unsere Leute von Geist werden von dem 
Ansturm vieler Welten bedrängt Vor fünf oder 
sechs Jahren wurde mir über Russland von einem 
Polen ein tiefes Wort gesagt. „Sein Geist überfällt 
uns bereits." Er verstand darunter den Absolutis- . 
mus, die Spionage, die religiöse Heuchelei, den Anti- 
liberalismus in allen Formen. In der Literatur sind 
wir da schon angelangt Nichts als Firnis herrscht 
und das Barbarentum in weissen Handschuhen, 
Kosackentatzen mit sauberen Nägeln, Rosenpomade, 
die nach Kerze riecht. Wir sind niedrig geboren, 
und es ist traurig, im neunzehnten Jahrhundert Lite- 
ratur zu machen. Man hat keinen Boden und kein 
Echo, man fühlt sich einsamer als ein Beduine in der 
Wüste, denn der Beduine kennt wenigstens die ge- 
heimen Quellen unter dem Sand, er hat die Unend- 
lichkeit um sich herum, und die Adler fliegen über ihm. 

Ich glaube der Roman ist erst im Begriff zu 
entstehen, er erwartet seinen Homer. Was wäre 
Balzac gewesen, hätte er schreiben können. Aber • 
sonst war er makellos. Schliesslich kann jemand, 
der nur Künstler ist, unmöglich soviel leisten, weil 
ihm eine derartige Weite fehlt 



KUNST 

Die moderne Gesellschaft bedarf- weder eines 
Christus noch eines Voltaire, sondern eines Aristo- 
phanes: dieser aber würde vom Publikum gesteinigt 
werden. Schliesslich, was hilft alles Schwätzen? 
Malen wir! Malen wir, ohne Theorien zu machen, j 
ohne uns über die Leinwand zu sorgen, noch über ( 
die Dauer unserer Werke. 

^ Y T"enn die moderne Literatur nur wirklich 
\X /moralisch wäre, dann wäre sie stark. Mit 
V V der Moralität würde das Plagiat verschwin- 
den, die Nachahmung, die Unwissenheit, die über- 
triebenen Ansprüche. Die Kritik würde nützlich 
und die Kunst naiv sein, denn sie wären dann 
Bedürfnis und nicht Spekulation. 

Es gibt zwei Arten von Literatur: die, welche* 
ich die nationale nennen möchte (die bessere) I 
'und dann die gebildete, persönliche. Zur\ 
Verwirklichung der ersten bedarf es eines Kernes 
allgemeiner Ideen, einer Gemeinsamkeit, eines Ban- 
des. Die volle Ausdehnung der andern erfordert 
Freiheit 



Wz 



ann wird man Geschichte schreiben, wie 

man einen Roman macht, ohne Liebe und 

ohne Hass für irgend eine Person, wann wird 



KUNST 

man Tatsachen schreiben vom Standpunkt eines 
höheren sich Lustigmachens aus, d. h., so wie der 
liebe Gott sie sieht, von der Vogelperspektive!? 

Möge sich jeder damit zufrieden geben, ehr- 
lich zu sein; darunter verstehe ich, seine 
Pflicht zu tun und den Nächsten nicht 
zu beeinträchtigen, dann werden alle tugendhaften 
Hirngespinste schnell übertroffen werden. Das Muster- 
bild einer Gesellschaft wäre jene, in der jedes Ein- 
zelwesen nach seinem Mass wirken würde. Ich 
wirke in meinem, ich bin nichts schuldig. Was 
alle diese schönen Reden von Hingebung, Opfer, 
brüderlicher Entsagung und anderen unfruchtbaren 
Abstraktionen betrifft, aus denen die Allgemeinheit 
der Menschen Vorteil zieht, so überlasse ich sie 
den Marktschreiern, Schwärmern, Narren und Ideen- 
menschen. 

Der Dichter soll in seinem Werk sein wie Gott 
im Weltall, überall anwesend und nirgends 
sichtbar. Da die Kunst eine zweite Natur 
ist, muss der Schöpfer dieser Natur durch ein gleich- 
artiges Verfahren wirken. Wo man in allen Atomen 
eine versteckte unendliche Unparteilichkeit fühlt, da 
wird die Wirkung für den Zuschauer eine Art Ver- 
wunderung sein. Wie ist das alles entstanden? muss 

14 



KUNST 



man fragen und kommt sich geschlagen vor, ohne 
zu wissen, warum. 

Die griechische Kunst hatte dies Prinzip. Um es 
zu verwirklichen, wählte man Personen in ausser- 
gewöhnlichen sozialen Bedingungen. Könige, Götter, 
Halbgötter; nicht mit dem Menschlischen interes- 
sierte man, das Göttliche war der Zweck. 

Die Befriedigungen des Körpers und des Geistes 
| haben nichts mit einander gemein. Wenn 
sie zusammentreffen, nehmt und hütet sie, 
aber sucht sie nicht vereinigt, denn das ist unna-j 
türlich. Diese Idee vom Glück ist übrigens diel 
beinahe ausschliessliche Ursache fast allen mensch- 
lichen Unglücks. Schonen wir das Mark unseres 
Herzens, bewahren wir uns den Saft der Leiden- 
schaft, machen wir aus unserem Ich einen erhabe- 
nen Extrakt für die Nachwelt! Wieviel verliert man 
täglich durch Gefühlsverschwendung! 

Man wundert sich über die Mystiker, aber ihr 
Geheimnis besteht darin, dass ihre Liebe, wie ein 
Strom, nur ein einziges Bett hatte: eng, tief, ab- 
schüssig, und darum alles mit sich fortriss. 

Wenn man gleichzeitig das Glück und die Kunst 
sucht, wird man weder das eine noch das andere 
erreichen, denn zur Kunst gelangt man nur durch 
Opfer. Die Kunst macht sich wie der Gott der 



v 



KUNST 

Juden durch Sühnopfer bezahlt. Zerreisse dich, geissle 
dich, wälze dich in der Asche, erniedrige die Sinne, 
spucke auf deinen Körper, nimm dein Herz heraus, 
du wirst einsam sein, deine Füsse werden bluten, 
ein höllischer Ekel wird deine Fahrt begleiten, die 
Freude der andern wird nicht die deine sein, was 
ihnen ein Nadelstich ist, wird dich foltern, und du 
wirst verloren in der Menge treiben, mit einem 
kleinen Schimmer an deinem Horizont Aber er 
wird grösser und grösser werden, wie eine Sonne, 
die Goldstrahlen werden dein Gesicht einhüllen, sie 
werden in dich übergehen, du wirst von innen aus 
erleuchtet sein, du wirst dich leicht fühlen und ganz 
Geist sein, und nach jedem Aderlass wird dein Fleisch 
geringer wiegen. Der Künstler suche also nichts 
anderes als Ruhe, fordere vom Leben nur einen 
Lehnsessel und keinen Thron, keine Befriedigung, 
keine Trunkenheit. Die Leidenschaft ordnet sich 
schnell der langen Geduld unter, die das Hand- 
werk erfordert. Die Kunst ist gross genug, um 
I einen Menschen ganz zu beanspruchen, ihn von 
' ihr abzulenken,. ist fast ein Verbrechen. Es ist ein 
Diebstahl an der Idee, ein Mangel an Pflicht. Aber 
man ist schwach, das Fleisch ist weich, und das 
Herz zittert wie ein mit Regen beladener Ast unter 
den Stössen des Erdbodens, man sehnt sich nach 
Luft wie ein Gefangener, unendliche Ohnmacht er- 



J6 



KUNST 

greift einen, man fühlt sich sterben. Die Weisheit 
besteht darin, dass man den wenigst wertvollen Teil 
der Schiffsladung über Bord wirft, damit das Schiff 
leicht dahintreibt 

Man sollte sich einsperren und mit gesenk- 
tem Kopf sein Werk fortsetzen wie ein 
Maulwurf. Wenn von jetzt bis in einigen 
Jahren sich nichts ändert, wird unter den freien 
Geistern eine Gemeinschaft entstehen, enger als je 
ein heimlicher Bund war. Abseits von der Menge 
wird ein neuer Mystizismus gross werden. Die 
hohen Ideen wachsen im Schatten, wie Tannen am 
Rand von Abgründen. 

"T**T7"T'ir sollten uns nicht so viel beklagen. Man 
\ X /beklagt sich über das Dasein selbst, wenn 
V V man sich über das, was einen kränkt oder; 
ärgert, beklagt. Wir sind dazu da, das Dasein ab- ! 
zumalen, wir andern, und sonst zu nichts. Lasstf 
uns religiös sein. Was mir an Ärger im Grossen 
oder Kleinen begegnet, schliesst mich um so fester 
mit meiner ewigen Sorge zusammen. Ich klammere 
mich an sie mit beiden Händen und schliesse meine 
Augen, um die Gnade herbeizurufen. Sie kommt, 
Gott hat Mitleid mit den Einfachen, und die Sonne 
scheint immer für die starken Herzen, die über 

17 



KUNST 

den Bergen schweben. Ich wende mich einer Art 
ästhetischem Mystizismus zu (wenn die beiden Worte 
zusammengehen) und ich wollte, er wäre stärker. 
Wenn die Andern uns entmutigen, die äussere Welt 
uns anekelt, entkräftet, verdirbt, verdummt, dann 
müssen die ehrlichen und zarten Menschen sich 
selber einen Ort suchen, wo sie leben können. 
Wenn die Gesellschaftszustände sich nicht verändern, 
dann wird es wieder Mystiker geben, wie in jedem 
dunklen Zeitalter. Die Seele, die sich nicht aus- 
dehnen kann, muss sich zusammen pressen. Die 
Zeit naht, wo die ganze Welt ergriffen sein wird 
von dem Glauben an das Ende der Welt, der Er- 
wartung eines Messias. Aber da die theologische 
Grundlage fehlt, wo wird da ein Halt für diese sich 
selber unbewusste Begeisterung zu finden sein? Die 
einen werden ihn im Fleischlichen suchen, jene in 
alten Religionen, in der Kunst und der Menschheit, 
so wie der jüdische Stamm alle Arten von Idealen 
in der Wüste vergötterte. Wir sind ein wenig zu 
früh auf die Welt gekommen. In fünfundzwanzig 
Jahren wird man an einem Wendepunkt angelangt 
sein, und die Hände eines Meisters werden wunder- 
bar zu schalten wissen. Dann wird die Prosa fähig 
sein, eine riesige menschliche Symphonie zu spielen. 
Bücher werden dann wieder erscheinen, die im See- 
lischen das sind, was der „Satyr" und der „goldene 



# 



KUNST 

Esel" der Form nach darstellten. Niemals werden 
die Sozialisten mit ihren ewigen materialistischen 
Weissagungen diese Wahrheit begreifen. Sie haben 
den Schmerz geleugnet, drei Vierteile der modernen 
Dichtung gelästert. Aber das Blut Christi rührt 
sich in uns, nichts kann es austrocknen, nichts es 
versiegen machen. Und nicht darum handelt es 
sich, es zum Versiegen zu bringen, sondern darum, 
ihm ein Flussbett zu schaffen. Wenn der Mensch 
seine Unzulänglichkeit, die Nichtigkeit des Lebens 
nicht mehr fühlen würde (was die Folge der ma- 
terialistischen Hypothese wäre), dann wären wir 
dümmer wie Vögel, die sich wenigstens ihre Nester 
auf Bäumen bauen. Die Seele schläft jetzt, trun- 
ken von Worten, die sie gehört hat, aber sie wird 
ein wahnsinniges Erwachen haben, wo sie sich 
den Freuden der Freiheit hingibt. Dann wird 
nichts mehr .in der Umgebung sie stören, weder in 
der Regierung noch in der Religion, noch in ir- 
gend einer Formel. Die schrankenlosesten Päda- 
gogen scheinen mir die Republikaner jeder Farbe 
zu sein, die eine Reorganisation der Gesetze träu- 
men, eine Gesellschaft, die so geregelt ist wie ein 
Kloster. Ich glaube im Gegenteil, dass die Regeln 
verschwinden, die Schranken fallen werden und die 
Welt gleichförmig wird. Vielleicht kündigt die grosse 
Verwirrung heute die Freiheit an. Wenigstens hat 

*9 



KUNST 

die Kunst, die immer vorangeschritten ist, diesen 
Weg eingeschlagen. Welche Art von Poesie be- 
steht denn jetzt? Durch unsere begrenzte und ge- 
naue Sprache und unsere unbestimmbaren, verwisch- 
ten und ungreifbaren Ideen, ist es mehr und mehr 
unmöglich geworden, plastisch zu wirken. Wir kön- 
nen nur, kraft unserer Geschicklichkeit, die so oft 
gestrichenen Saiten straffer spannen und Virtuosen 
sein. Denn Natürlichkeit, Ursprünglichkeit ist in 
unserem Zeitalter ein Trugbild geworden. Das 
Malerische hat sich beinahe ganz verflüchtigt. Trotz 
allem — die Poesie kann nicht sterben, aber wel- 
cher Art wird ihre Zukunft sein? Vielleicht wird 
Schönheit eines Tages für uns ein überflüssiges Ge- 
fühl werden und die Kunst etwas, das in der Mitte 
liegt zwischen Algebra und Musik. 

Ich bin überzeugt, dass die wütendsten körper- 
lichen Gelüste sich unbewusst als ideelle Begeiste- 
•rung ausdrücken, ebenso wie die schmutzigsten 
fleischlichenAusschweifungen von dem reinenWunsch 
des Unmöglichen erzeugt sind, der vergeistigten Sehn- 
sucht nach höchstem Glück. Und übrigens weiss 
ich nicht und niemand weiss es, was diese beiden 
Worte bedeuten: „Seele und Körper", wo jene en- 
„digt und dieser beginnt. Wir fühlen Kräfte und 
'das ist alles. Noch ist die Wissenschaft vom Men- 

40 



KUNST 

sehen zu sehr in Materialismus und Spiritualismus 
befangen, als dass man diese Erscheinung unpar- 
teiisch studieren könnte. Noch hat man keine 
Anatomie des menschlischen Herzens geschrieben. 
Wie soll dann die Möglichkeit bestehen, dass man 
ein Heilmittel finde? Es wird der grösste Ruhm 
des neunzehnten Jahrhunderts sein, dass es diese 
Studien begonnen hat. Der historische Sinn ist 
neu in der Welt. Man wird Ideen wie Organis- 
men studieren müssen, und es ist bereits eine 
ganze Schule am Werk, die im Dunkeln arbeitet 
und sicher etwas zustande bringen wird. 

Ich mache der Prostitution nur einen Vorwurf: 
dass sie ein Mythos ist. Die ausgehaltene Frau 
ist in die Debauche eingedrungen wie der Zei- 
tungsschreiber in die Poesie, wir ertrinken in den 
halben Farben. Es gibt heute ebensowenig Buhle- 
rinnen als Heilige. 

1 , \r ▼"enn ich bedenke, welcher Hass überall 
\ X /der Poesie, der reinen Kunst, entgegenge- 
V V bracht wird, entstehen Selbstmordgedanken 
in mir. Man möchte vergehen, weil man die An- 
dern nicht umbringen kann. Jeder Selbstmord ist nur 
ein vergoltener Mord. Ich glaube, dass das Leiden 
des modernen Künstlers sich zu dem Erleiden der 



4' 



KUNST 

Künstler anderer Zeiten verhält, wie der Grossbe- 
trieb zum Handwerk. Es vervielfältigt sich jetzt 
mit dem zusammengepressten Rauch, dem Eisen 
und Räderwerk. Geduld! hat sich der Sozialismus 
einmal durchgesetzt, dann wird man all dies im gross- 
artigen Massstab erleben. In dem Reich der Gleich- 
heit, und es naht uns, wird man jeden schinden, 
der nicht ein Lump ist. Was kümmert sich die 
Masse um Kunst, Poesie, Stil? Sie bedarf nichts 
von alledem. Macht ihr doch Gassenhauer, Ab- 
handlungen über Gefängnisarbeit, städtische Arbei- 
terinnenfrage und die materiellen Interessen des 
Augenblicks. Eine unausgesetzte Verschwörung gegen 
die Eigenart ist immerfort am Werk, das möge nie 
vergessen werden. Je stärker man Farbe und Re- 
lief beisitzt, umsomehr wird man Anstoss erregen« 

Sollte man nicht alle Kammern des Herzens 
und des Gesellschaftskörpers (von unterst bis 
oberst) kennen, nicht die Kloaken zu ver- 
gessen und vor allem sie nicht. Dort bildet sich 
die Fäulnis reichlicher, die chemischen Kräfte wir- 
ken vielfacher. Wer weiss, welchen Säften von Aus- 
wurfprodukten wir den Duft der Rosen und den 
Wohlgeschmack der Melonen verdanken? Begreift 
man, wie vieler betrachteter Niedrigkeiten es bedarf, 
damit sich die Grösse einer Seele bilde, alle die 

42 



KUNST 

widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den 
Gram, den man erleiden, die Qualen, die man ertra- 
gen musste, bevor man eine gute Seite zu schrei- 
ben imstande war? Kanalräumer und Gärtner, 
das sind wir, wir Andern; wir ziehen aus der Fäul- 
nis der Menschen Ergötzung für sie selber auf, lassen 
Blumenkörbe wachsen auf dem ausgebreiteten Elend. 
Die Tatsache destilliert sich in die Form und steigt in 
die Höhe auf wie ein reiner Weihrauch des Geistes 
zum Ewigen, Unbeweglichen, Absoluten, dem Ideal. 

Das Höchste in der Kunst (und das Schwerste) 
'ist, scheint mir, nicht lachen noch weinen 
zu machen, noch in Brunst oder in Wut zu 
versetzen, sondern nach Art der Natur zu wirken, 
nämlich träumen zu lassen. Die sehr schönen Werke 
haben dieses Merkmal: sie sind hell und unbegreif- 
lich anzusehen, sie sind unbeweglich wie Felsen, un- 
ruhig wie der Ozean, voll von Blüten, Laub und Ge- 
murmel wie die Wälder, traurig wie die Wüste, blau 
wie der Himmel. Homer, Rabelais, Michel Angelo, 
Shakespeare, Goethe scheinen mir unerbittlich, grund- 
los, unendlich, vielfältig. Durch kleine Ritzen nimmt 
man Abgründe wahr. Zu unterst ist Finsternis, Schwin- 
del, und trotzdem schwebt etwas sonderbar Sanftes 
über dem Ganzen. Es ist das Traumbild des Lichtes, 
das Lächeln der Sonne und die Stille, die Stille. 

AI 



KRITIK 

M KRITIK, 

an behauptet, dass die Kritik demnächst 
verschwinden wird. Ich glaube, dass sie 
in den Anfangselementen da ist. Es wurde 
das Gegenteil von der früheren angenommen, aber 
man ist jetzt anderer Meinung. Zur Zeit Laharpes 
war man Grammatiker, zur Zeit Sainte Beuves und 
Taines ist man Geschichtsforscher. Wann wird man 
Künstler sein, nichts als Künstler, aber wahrhaft 
Künstler? Wo ist eine Kritik, die sich um das 
Werk an sich bekümmert? Man zerlegt sehr fein 
die umgebende Welt, in der es wurzelt und die 
Bedingungen, unter denen es entstanden ist, aber 
die unwissenschaftliche Kritik? Woraus ergibt sie 
sich? Was für Bestandteile, was für einen Stil hat 
sie? Welches ist der Gesichtspunkt des Verfassers? 
Ich finde nirgends eine solche Kritik. Sie erfor- 
dert eine grosse Einbildungskraft und eine grosse 
Güte, eine immer bereite Begeisterungsfähigkeit, die 
selbst bei den Besten selten ist, so dass man nicht 
mehr von ihr spricht. 

'T äglich entrüste ich mich, dass man ein Meister- 

I werk und einen Schund in denselben Rang ein- 

-A- reiht. Man preist die Kleinen auf übertriebene 

Weise und erniedrigt die Grossen. Nichts ist dümmer 

und unmoralischer! 



44 



KRITIK 

Es ist so leicht, über das Schöne zu schwätzen, 
aber um in einem ordentlichen Stil zu sa- 
gen: „machen Sie die Tür zu," oder „er hatte 
Lust zu schlafen", dazu bedarf es mehr Geistes als 
für alle Literaturvorlesungen der Welt. 

Die Kritik ist auf der letzten Sprosse der Literatur, 
fast immer, was die Form betrifft, und unbestreit- 
bar, was den moralischen Wert anbelangt, sie kommt 
nach dem Schüttelvers und dem Acrostikon, die 
wenigstens irgendwelche Erfindung beanspruchen. 

Ich will zu zeigen versuchen, warum die ästhe- 
tische Kritik so hinter der historischen und wis- 
senschaftlichen Kritik zurückgeblieben ist: man 
besitzt keine Grundlage. Es fehlt an der Kennt- 
nis der Anatomie des Stils, dem Wissen, wie ein 
Satz sich gliedert und wodurch er sich befestigt. 
Man studiert an Gliederpuppen, nach Übersetzun- 
gen von Professoren, Einfaltspinseln, die unfähig sind, 
das Instrument der Wissenschaft, die sie lehren — ich 
meine die Feder — zu handhaben. Und das fehlt, 
die Liebe. Die liebe, die sich herschenkt, das 
Geheimnis des lieben Gottes, die Seele, ohne die 
man nichts versteht 

TVr 38 ^ eme armse ^ e Beschäftigung ist die 

\ X /Kritik! Aber es ist so süss, den Erzieher zu 

V V spielen, die Leute vorzunehmen und sie ihr 

45 



KRITIK 

Handwerk zu lehren. Die Sucht, zu verkleinern, die 
der moralische Aussatz unserer Zeit ist, hat diesen 
Hang im Schriftstellertum merkwürdig begünstigt. Die 
Mittelmässigkeit sättigt sich mit dieser kleinen täg- 
lichen Nahrung, die unter dem Anschein von Ernst 
die Leerheit verbirgt. Es ist viel leichter zu streiten 
als zu verstehen und leichter, von Kunst, Idee, 
Schönheit, Ideal usw. zu schwärmen, als das ge- 
ringste Sonett zu machen oder den kleinsten Satz. 
Oft spürte ich Lust, über all das ein Buch zu schrei- 
ben, aber das lasse ich mir für mein Alter, wenn 
mein Tintenfass vertrocknet ist Was für ein herr- 
liches Buch wäre z. B. unter dem Titel „Über die 
Auslegung des Altertumes" zu schreiben. Es wäre 
das Werk eines ganzen Lebens. Doch wozu Kri- 
tik? Besser ist die Musik: kehren wir zum Rhyth- 
mus zurück, wiegen wir uns in Satzgebilden, stei- 
gen wir tiefer in das Innere der Herzen hinab. 

Es ist die Aufgabe der modernen Kritik, die Kunst 
wieder auf ihr Postament zu stellen. DieSchön- 
heit wird erniedrigt, wenn sie verallgemeinert 
Was ist aus dem Altertum geworden, das man für 
Kinder zugänglich machen wollte? Etwas tief Un- 
sinniges. Aber es ist so bequem, sich übersetzter, 
verdünnter Weisheit zu bedienen und so süss für 
die Zwerge, die geköpften Riesen zu betrachten. 



4 6 



KRITIK 

Die mittelmässigen Naturen, das heisst also drei 
Vierteile des Menschengeschlechtes, werden niemals 
das Köstliche an der Kunst erfassen. 

¥ \7 "T 2& ffr em Künstler wäre man, wenn man 
\ X /nie etwas anderes als Schönes gesehen, 
V V Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte. Wenn 
ein Schutzengel der Reinheit unserer Feder uns 
vom Beginne an alle schlechten Bekanntschaften 
hätte vermeiden lassen, so dass man niemals Dumm- 
köpfe besucht, noch Zeitungen gelesen hätte. Die 
Griechen besassen etwas davon. Sie waren unter 
Bedingungen, die niemals wiederkehren werden, 
schöpferisch tätig, aber es ist Wahnsinn, sich mit 
ihren Schuhen bekleiden zu wollen. Nicht grie- 
chische Mäntel, sondern Pelze brauchen wir Nord- 
länder. Die antike Form ist für unser Bedürfnis 
unzureichend geworden, und unser Leben ist nicht 
für einfache Weisen eingerichtet. Seien wir, wenn 
möglich, ebenso künstlerisch wie sie, aber anders 
als sie. Das Bewusstsein des Menschengeschlechtes 
hat sich seit Homer verändert Der Bauch San- 
cho Panzas hat den Gürtel der Venus gesprengt. 
Statt leidenschaftlich den altertümlichen Geschmack 
wieder zur Geltung bringen zu wollen, soll man 
mit allen Kräften bemüht sein, einen neuen zu 
suchen. 



47 



KRITIK 

LE CONTE DELILLE. 

Ich glaube, dass Le Conte Delille der Instinkt 
für das moderne Leben, das Herz fehlt: ich 
.meine nicht das Herz in der persönlichen oder 
selbst in der allgemein menschlichen Empfindungs- 
fähigkeit, sondern das Herz fast im medizinischen 
Sinn des Wortes. Seine Muse ist blass, sie war 
nicht genug in der Luft: Pferde und Stilarten von 
Rasse haben die Adern so voll Blut, dass man es 
unter der Haut zucken und gleiten sieht Das 
Leben! Darum liebe ich so die Lyrik, die mir 
als die natürlichste Form der Dichtung erscheint. 
Hier gibt sich das Leben ganz frei und nackt und 
verleiht dem Werk die geheimnisvolle Kraft, die 
Ureigenschaft, den Motus animi continuus (Schwin- 
gung, beständige Bewegung des Geistes), durch die 
es Bündigkeit, Relief, Haltung, Schwung, Rhythmus 
und Mannigfaltigkeit erhält. 

Im allgemeinen sind Lecontes Pläne zu tiefsattelig, 
wie man mit dem Ausdruck der Pferdehändler 
sagen könnte, das Rückgrat der Idee biegt sich 
in der Mitte, weswegen der Kopf zu hoch getragen 
wird. Ich finde auch, dass er für einen Mann, 
der das Griechentum liebt, zu sehr in der scharfen, 
starken Idee macht, in dem Gedanken; ich finde ihn 
wenig menschlich im psychologischen Sinn. Dies was 

4 8 



KRITIK 

die Moral betrifft. Im Plastischen besitzt er nicht 
genug Relief. Aber im Ganzen liebe ich ihn sehr, 
er macht mir den Eindruck einer hohen Natur. 

Etwas fehlt Delille: der Sinn für das Komische. 
Ich möchte ihn auffordern, mich zum Lachen 
zu bringen, und zum Lachen bringen ist sehr 
viel. Verachtung und Verstehen gemischt, das ist in 
Summa die höchste Art, das Leben anzusehen. Wie 
Rabelais sagt, ist es allein dem Menschen eigentümlich 
zu lachen, denn die Hunde, die Wölfe und im all- 
gemeinen alle Raubtiere können weinen. Ich teile 
die Ansicht Montaignes, meines Ziehvaters, der 
meint, dass wir uns selbst nie genügend verachten. 
Ich liebe es, die Menschheit und alles, wovor sie 
Ehrfurcht hat, erniedrigt zu sehen, verhöhnt, be- 
schimpft, ausgepfiffen, und aus diesem Grund habe 
ich Sympathien für die Asketen. Die moderne Stumpf- 
heit kommt von der unbegrenzten Achtung, die 
der Mensch für seine eigene Person empfindet; 
Achtung? — nein, Anbetung, Abgötterei. 

LAMARTINE. 

Ich habe gar keine Sympathien mit diesem Schrift- 
steller ohne Rhythmus, diesem Staatsmann ohne 
Initiative. Ihm verdanken wir die ganze blaue 
Langeweile der brustkranken Lyrik, und ihm müs- 

49 



KRITIK 

sen wir für das Kaiserreich danken: ihm, der der 
Mann der Mittelmässigen ist, der sie liebt und der 
von ihnen geliebt wird. 

Sprechen wir ein wenig über Grazieila, ein mit- 
telmässiges Buch, obwohl es das beste ist, 
das Lamartine in Prosa geschrieben hat. Es 
gibt hübsche Details darin: der alte Fischer, der 
auf dem Rücken liegt, und die Schwalben, die über 
seinen Rücken streichen, Graziella, die ihr Amulett 
an das Bett befestigt, an den Korallen arbeitend, 
zwei oder drei schöne .Vergleiche der Natur, z. B. 
von einem Blitz, der zeitweilig einem Augenblinzeln 
gleicht; das ist ungefähr alles. Und dann, um klar 
zu reden, verkleinert er. Oder verkleinert er nicht? 
Das sind keine menschlichen Wesen, sondern Glie- 
derpuppen. Wie reizend sind diese Liebesgeschichten, 
wo die Hauptsache so mit Geheimnis beladen ist, 
dass man nicht weiss, woran man sich halten soll, 
da die geschlechtliche Vereinigung systematisch wie 
die Funktionen der Verdauungsorgane, wie Essen und 
Trinken, ins Dunkel gebannt ist. Dies Vorurteil reizt 
mich. Da ist ein braver Bursch, der mit einer Frau, die 
er liebt, immer zusammenlebt, und nie ist von einem 
Wunsch die Rede. Kein unreinesWölkchen trübt diesen 
bläulichen Himmel. O Scheinheiliger! Um wieviel 
schöner wäre es gewesen, wenn er die wahre Geschichte 



50 



KRITIK 

erzählt hätte. Aber die Wahrheit verlangt rauhere 
Männer als diesen Herrn von Lamartine. In der 
Tat ist es leichter einen Engel zu zeichnen als eine 
Frau. Die Flügel verstecken den Buckel. 

CHATEAUBRIAND. 

Soeben lese ich die vier Bände „Memoires d'Outre 
Tombe", die ihren Ruf übertreffen. Niemand 
war unparteiisch gegen Chateaubriand, jede 
Partei hat einen Groll gegen ihn. Es wäre eine 
schöne Kritik über seine Werke zu schreiben. Wie 
stünde er als Mensch da, wenn man von seinen Dich- 
tungen absieht. Wie ist er in Lügen und Beschränkt- 
heit verstrickt worden, und wie eng wurde er. In 
Goethe sieht er nur den Werther, der doch nur 
ein Kämmerchen in dem unendlichen Reich dieses 
Genius bedeutet. Chateaubriand ist wie Voltaire: 
beide taten künstlerisch alles, was in ihren Kräften 
stand, um die bewunderungswürdigen Eigenschaften 
zu verderben, die der liebe Gott ihnen schenkte. 
Ohne Racine wäre Voltaire ein grosser Dichter ge- 
wesen, und was wäre aus dem Mann, der Velieda 
und Rene schrieb, ohne Fenelon geworden. Na- 
poleon glich ihnen. Ohne Ludwig XIV., ohne dies 
Schattenbild einer Monarchie, von dem er besessen 
war, hätten wir nicht diese künstliche Wiederbe- 
lebung einer schon leichenhaften Gesellschaftsord- 

5' 



KRITIK 

nung erlebt. Es ist das Schöne an den Gestalten 
des Altertums, dass sie ursprünglich sind: was sie 
sind, sind sie durch sich selber. Wie vieler Studien 
bedarf es, um sich von den Büchern, die man lesen 
musste, wieder frei zu machen. Wir müssen Ozeane 
trinken und wieder von uns geben. 

MUSSET. 
1 ^\er Herr von Musset hat teuflisch viel Ehr- 

I 1 geiz. Seine Eitelkeit ist bürgerlicher Ab- 
^i S stammung. Ich glaube nicht, dass er die 
Kunst als das Stärkste im Leben gefühlt hat, am 
stärksten hat er seine Leidenschaften gefühlt. Musset 
ist mehr Dichter als Künstler, und augenblicklich 
viel mehr Mensch als Dichter, und ein ziemlich klei- 
ner Mensch. Nach ihm ist die Musik um der Sere- 
naden willen da, die Malerei um Porträts zu geben, 
und die Dichtkunst zum Trost für Herzen. Wenn 
man die Sonne in die Hose stecken will, verbrennt 
man die Tasche und beschmutzt die Sonne. Dies 
ist ihm passiert. Für ihn bestehen die Organe der 
Poesie aus Nerven und Magnetismus. Aber ihre Ele- 
mente sind von heller Natur. Wenn es genügte, emp- 
findliche Nerven zu haben, dann wäre ich mehr wert, 
als Shakespeare und Homer, die ich mir als sehr 
wenig nervös vorstelle. Diese Verwirrung ist ruch- 
los, das darf ich sagen, der ich durch geschlossene 

52 



KRITIK 

Türen Leute, die dreißig Schritt weit entfernt mit- 
einander leise sprachen, deutlich verstanden habe, 
ich, dem man durch die Bauchhaut die Eingeweide 
vibrieren sieht, und dem in dem Zeitraum einer 
Sekunde Millionen Gedanken, Bilder, Zusammen- 
hänge aller Art wie entzündete Raketen eines 
Feuerwerks im Gehirn aufspringen. Die Poesie 
beruht keineswegs auf einer schwächlichen Veran- 
lagung des Geistes und die nervöse Reizbarkeit, 
die Fähigkeit, grenzenlos zu fühlen, ist Schwäche. 
Um mich klarer auszudrücken: wäre mein Gehirn 
kräftiger entwickelt, dann hätte mich das Rechts- 
studium nicht vor Langeweile krank gemacht, statt 
Elend hätte ich Gewinn daraus gezogen. Und statt 
dass ich den Kummer im Kopf trug, fuhr er mir in 
die Glieder, dass sie in Krämpfen zuckten. Es war 
krankhaft. So gibt es Kinder, auf welche die Musik 
schlecht wirkt; sie haben grosse Anlagen, behalten 
beim ersten Zuhören die Melodien, regen sich beim 
Klavierspielen auf, magern ab, werden bleich, und 
ihre armen Nerven zucken vor Qual, wie sich Hunde 
winden, wenn sie Musik hören. 

Nicht unter solchen Kindern sind die Mozarts 
der Zukunft zu erwarten. Wenn die Neigung sich 
verirrt hat, die Idee ins Fleisch drang, wo sie un- 
fruchtbar blieb, dann geht das Fleisch zu Grunde, 
und weder Genius noch Gesundheit kann erstehen. 



5* 



KRITIK 

Grade so ist es in der Kunst: die Leidenschaft 
zeugt keine Verse, und je persönlicher man ist, 
umso schwächer wird man. Meine Sünden waren 
stets von dieser Art. Immer habe ich mich selbst in 
alles, was ich schrieb, hineingelegt, so zum Beispiel 
meine eigene Person an Stelle des heiligen Antonius 
gesetzt, und ich, nicht der Leser erlitt die Ver- 
suchungen. Je weniger Gefühle ein Ding in uns erweckt, 
um so fähiger ist man, es darzustellen (wie es seinem 
Wesen nach ist, ohne flüchtige Zufälligkeiten). Nur 
muss man die Fähigkeit haben, ein Ding sich selbst 
plastisch zu machen. Die Fähigkeit ist nichts anderes 
als das Genie sehen zu können, das stehende Modell 
vor Augen zu haben. Darum hasse ich rhetorische 
Poesie. 

"* TT ^ird Frankreich jemals anerkennen, dass 
\ X /Ronsard Racine aufwiegt? Man soll die 
V V Kunst um ihrer selbst willen machen, für 
sich allein, wie man Violine spielt Musset wird 
durch die Eigenschaften, die er verleugnet, bleibend 
sein. Er hat schöne Triebe, schöne Ausbrüche, 
das ist alles. Aber der Pariser in ihm hemmt den 
Dichter. Der Dandysmus verdirbt die Vornehm- 
heit. Seine eleganten Strumpfbänder haben seine 
Kniee steif gemacht. Die ELraft zur Meisterschaft 
fehlt ihm. Er hat weder an sich noch an seine 



54 



KRITIK 

Kunst geglaubt, sondern nur an seine Leidenschaf- 
ten. Er hat hochtrabend auf Kosten einer höhern 
Schönheit das Herz, das Gefühl, die Liebe gefeiert. 
„Das Herz allein ist Dichter" usw. So etwas schmei- 
chelt den Damen. Es sind diese bequemen Lehr- 
sätze die Ursache, dass so viele Leute sich für 
Dichter halten, ohne je einen Vers geschrieben 
zu haben. Diese Verherrlichung des Mittelmässigen 
empört mich, denn das heisst, alle Kunst, alle Schön- 
heit verleugnen, die Aristokratie des lieben Gottes 
beleidigen. 

Der ungeheure Ruhm Berangers ist für mich 
einer der schreiendsten Beweise der Dumm- 
heit des Publikums. Weder Shakespeare 
noch Goethe, noch Byron, nicht irgend ein grosser 
Mann sonst ist je so bewundert worden. Dieser 
Dichter hat bis jetzt nicht einen einzigen Wider- 
sacher gehabt, und sein Ruf hat nicht einmal 
Sonnenflecken. Ich bin überzeugt, dass dieser 
bürgerliche Stern in der Nachwelt erblassen wird. 
Ich liebe nicht diesen lustigen Soldatensänger, finde 
seinen Geschmack immer miUelmassig, und sehe 
in ihm etwas banal Alltägliches, das mich abstösst. 
Auf welche Art spricht er von Gott! Und von 
der Liebe 1 Aber Frankreich ist ein armseliges 
Land, was man auch sagen mag, und Beranger 

55 



KRITIK 

bot ihm gerade das, was es an Poesie ertragen 
konnte. Eine höhere Lyrik geht über sein Ver- 
mögen, und eben die Berangers entsprach sei- 
nem Temperament. Hier ist die Ursache seiner 
erstaunlichen Beliebtheit. Eine weitere ist die prak- 
tische Gewandheit des guten Mannes. Seine groben 
Schuhe wogen seine grobe Lustigkeit auf. Seele 
und Kostüm des Volkes spiegelten sich in ihm. 

Onkel Tom" erscheint mir darum als ein enges 
I Buch, weil es vom moralischen und religiösen 
und nicht vom menschlischen Gesichtspunkt 
aus gemacht ist. Damit ein Sclave, den man fol- 
tert, mich rührt, ist es nicht notwenig, dass dieser 
Sclave ein braver Mann sei, guter Vater, guter 
Gatte und Hymnen singt, das Evangelium liest, 
seinen Henkern verzeiht und erhaben ist. Durch 
die Ausnahme wird ein Ding abgesondert, falsch. 
Die Gefühlseigenschaften, und sie sind gross in 
diesem Buch, hätten sich besser entfaltet, wenn 
der Zweck weniger beschränkt gewesen wäre. Wenn 
es einmal in Amerika keine Sclaven geben wird, 
dann wird dieser Roman nicht mehr Wahrheit ent- 
halten, als die alten Geschichten, in denen die Mo- 
hammedaner immer als Ungeheuer dargestellt sind. 
Möge man nur nicht hassen, nicht hassen! Die 
Wahrheit allein, das Ewige, die reine Schönheit 



56 



KRITIK 

entflammt nicht in solchem Grad die Menge. Der 
Erfolg dieses Buches ist in seiner Aktualität begrün- 
det. Die Parteinahme für die Schwarzen, die als gut 
und moralisch hingestellt sind, wird z. B. in der Per- 
son des Georges absurd, der seinen Mörder pflegt, 
anstatt ihn mit Füssen zu treten und der von einer 
Negercultur träumt, einem afrikanischen Kaiser- 
reich. Der Tod der jungen heiligen Clara ist der 
eines Engels, wozu? Ich würde mehr weinen, wenn 
es ein gewöhnliches Kind wäre. Der Charakter 
ihrer Mutter ist übertrieben, trotz der scheinbar 
halben Farbentöne, die der Schriftsteller hingesetzt 
hat. In dem Augenblick, da ihre Tochter stirbt, 
darf sie nicht mehr an ihre Migräne denken. Aber 
das Parterre sollte lachen, wie Rousseau sagt. 

Gautier hat menschlich nicht so starke dich- 
terische Qualitäten als Musset, aber es 
wird von ihm mehr übrig bleiben, als von 
diesem. Nicht die Dichter sind die Bleibenden, 
sondern die, die schreiben können. Ich kenne nichts 
von Musset, das von einem f so hohen Rang ist 
wie der Saint Christophe d'Epica. Niemand hat 
schönere Fragmente gemacht und nicht ein Meister- 
werk. Mussets Begeisterung ist immer zu persön- 
lich, man merkt ihr den Pariser an, den Kavalier. 
Er hat gleichzeitig straffe Hosenstrippen und eine 

57 



KRITIK 

(Horaz, Labruyere). Man soll die Meister auswendig 
wissen, sie vergöttern, versuchen wie sie zu denken 
und sich dann von ihnen irgendwie trennen. Was die 
technische Belehrung betrifft, so kann man von den 
klugen und gewandten Geistern mehr Gewinn ziehen. 

Renee de Mari court ist ein Schriftsteller, der 
von Natur aus viel Geist, Beobachtung und 
. Gefühl besitzt In seinen Büchern sind zwei 
deutlich getrennte Teile, der eine ist ganz wahr, ge- 
drängt, nach der Natur gezeichnet. In dem an- 
dern unterhält er sich: was die Wirkung seiner 
guten Stellen zerstört. Die Kunst darf nicht spiele- 
risch werden, finde ich, obwohl ich ein vernarrter 
Parteigänger des Lehrsatzes der Kunst für die Kunst 
bin, in einem bestimmten Sinn verstanden. 

1:h teile nicht die Strenge Turgenieffs gegen Daudets 
Jack, ebensowenig seine unendliche Bewunderung 
.für Zolas Rougion. Der eine ist bezaubernd, der 
andere besitzt Kraft, aber keiner von ihnen beküm- 
mert sich um das, was für mich vor allem andern der 
Zweck der Kunst ist: die Schönheit. Ich erinnere 
mich, dass ich einmal vor heftiger Freude Herzklopfen 
bekam, als ich eine Mauer der Akropolis betrach- 
tete, eine ganz nackte Mauer (die zur linken Seite, 
wenn man zu den Propyläen aufsteigt). Nun, ich 
frage mich, ob ein Buch nicht, unabhängig von 

60 



KRITIK 



von dem, was es sagt, dieselbe Wirkung hervor- 
bringen könnte? In der Genauigkeit des Gefüges, 
der Kostbarkeit der Bestandteile, der Glätte der 
Oberfläche, der Harmonie des Ganzen, liegt darin 
nicht eine wesentliche Tugend, eine Art von gött- 
licher Kraft, etwas Ewiges wie ein Prinzip? Warum 
besteht eine so notwendige Beziehung zwischen dem 
Wort gesetzmässig und dem Wort musikalisch? 
Warum geschieht es, dass ein Vers entsteht, wenn 
man einen Gedanken sehr zusammengedrängt hat? 
Das Gesetz der Zahlen beherrscht also die Gefühle 
und die Bilder, und was als das Äussere erscheint, 
ist ganz einfach das Innere. 

Der Hauch der Empfindsamkeit ist das Starke 
an Manon Lescaut Die Ursprünglichkeit 
der Leidenschaft macht die beiden Helden 
so wahr, so liebenswürdig, so anständig, obwohl sie 
Schelme sind. Dieses Buch ist ein Herzensschrei. 
Die Komposition ist sehr geschickt, und welch ein 
ausgezeichneter Gesellschaftston herrscht darin. Ich 
ziehe jedoch die kräftigeren, mehr herausgearbeiteten 
Sachen vor, und ich sehe, dass alle Bücher ersten 
Ranges dies in hohem Masse sind. Sie schreien vor 
Wahrheit, die wesentlichen Details sind reicher und 
ausgebildeter. In dieser Beziehung ist Manon viel- 
leicht nur das erste der Bücher zweiten Ranges. 

6/ 



KRITIK 

der wunderbarsten der Prosa, sie waren die Ver- 
dichtung sechzig geschriebener Bände und der Be- 
mühungen eines halben Jahrhunderts. Aber ich 
hätte gerne Voltaire aufgefordert, mir von einem 
einzigen der RaphaeVschen Bilder, über die er sich 
so lustig machte, eine Beschreibung zu geben. 

Ich habe neulich die ganze Hölle von Dante 
gelesen. Es ist von grosser Art, aber dennoch, 
welcher Abstand zwischen ihm und den welt- 
umfassenden Dichtern, die nicht den Hass ihres 
Dorfes, ihrer Kaste oder ihrer Familie gesungen 
haben. 

A y JT ir wundern uns über die Männer aus dem 
\ X / Zeitalter Ludwig XIV., aber es waren keine 
V V Männer von enormem Geist. Während man 
sie liest, wird man keineswegs von dem Erstaunen 
überwältigt, das man vor einer übermenschlichen 
Natur empfindet, wie dies beim Lesen Shakespeares 
der Fall ist. Nein, aber wie gewissenhaft waren 
sie. Wie haben sie sich bemüht, für ihre Gedanken 
den richtigen Ausdruck zu finden. Welche Arbeit, 
welche Naturen! *Wie einer den andern befragte, 
wie sie lateinisch konnten! Wie langsam sie zu 
lesen verstanden. Auch vermochten sie ihre Ideen 
ganz voll in die Form zu giessen, die bis zum 



6 4 



KRITIK 



Bersten von ihnen erfüllt war. Nun, es gibt keinen 
Rang. Was gut ist, wiegt das Gute auf. Lafon- 
taine wird so lange leben wie Dante, und Boileau 
wie Bossuet und selbst wie Hugo. 

T I ab elaisund Don Quichotte, was für zermal- 
\^S mende Bücher! Wie die Pyramiden wach- 

JL/V^ sen sie in dem Maass, als man sie genau 
betrachtet, und schliesslich hat man Angst vor ihnen. 
Wunderbar ist in Don Quichotte die Abwesenheit 
des Künstlichen und die immerwährende Verschmel- 
zung von Illusion und Wirklichkeit, die daraus 
ein so komisches und so poetisches Buch macht. 
Wie zwerghaft sind alle andern daneben. Wie klein 
man sich fühlt, mein Gott, wie klein! 

Man sollte sich nie fürchten, übertrieben zu 
sein, alle sehr Grossen waren es: Michel 
Angelo, Rabelais, Shakespeare, Moliere. In 
Pourceaugnac handelt es sich darum, dass ein 
Mann ein Lavement erhält. Man bringt nicht eine 
Spritze, sondern man füllt das ganze Haus mit Spritzen 
und Apothekersachen. Ganz einfach, das Genie hat 
seinen wahren Mittelpunkt im Ungeheuren. Aber 
damit die Übertriebenheit nicht auffällt, muss sie 
überall inVerhältnis und Übereinstimmung stattfinden. 
Wenn die Menschenkinder hundert Fuss haben, dann 



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KRITIK 

müssen die Berge zwanzigtausend haben, und worin 
besteht das Ideal sonst als in dieser Vergrößerung? 

Nichtsdestoweniger ist es traurig mit anzu- 
sehen, wie die grossen Männer leicht eine 
Wirkung erreichen, die ausserhalb der Kunst 
liegt. Gibt es schlechter Gebautes als viele Sachen 
von Rabelais, Cervantes, Moliere und Hugo? Aber 
wie sicher treffen diese ihr Ziel. Welche Kraft in einem 
einzigen Wort. Wir müssen einen kleinen Kiesel- 
stein nach dem andern aufschichten, um Pyramiden 
zu bauen, die nicht den hundertsten Teil ihrer 
Höhe erreichen, die aus einem einzigen Block ge- 
macht sind. Aber es hiesse sich selbst verlieren, 
wenn man das Verfahren dieser Leute nachahmen 
würde. Sie sind im Gegenteil gross, weil sie kein 
Verfahren haben. Hugo hat sehr viel von ihnen. 
Er ist darum kleiner, weil er nicht mannigfach ist. 
Sein Wesen ist mehr nach der Höhe als nach der 
Breite ausgebildet. 

A A/ T" ie alle Dichter ausnahmslos neben Shake- 
\ Ä / speare klein und vor allem oberflächlich sich 
V V ausnehmen ! Er besass die beiden Elemente 
Einbildung und Beobachtung und war immer, immer 
weit und üppig. „Für die Mittelmässigkeit geboren, 
werden wir von den erlauchten Geistern zu Boden 
gedrückt", das könnte man hier sagen. Ich glaube, 

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KRITIK 

sähe ich Shakespeare in Person, so würde ich vor 
Schreck sterben. 

Zwei Tage lang war ich jetzt von einer Szene 
in Shakespeare ganz überwältigt (die erste im 
' dritten Akt von König Lear). Dieser Mann 
wird mich noch meiner Sinne berauben. Mehr wie 
je scheinen mir alle wie Kinder neben ihm. In 
dieser Szene verliert jeder Einzelne durch äusserstes 
Elend und in einem Krampf des Daseins seinen 
Verstand und beginnt zu faseln. Drei verschiedene 
Arten von Wahnsinn heulen gleichzeitig, während 
der Narr Spässe macht, der Regen fällt und der 
Donner rollt Ein junger Herr, den man am An- 
fang reich und schön sah, sagt folgendes: „Ah, ich 
habe Frauen gekannt usw., ich wurde von ihnen 
zu Grunde gerichtet, nehmt euch in Acht vor dem 
leichten Rauschen ihrer Kleider und dem Knirschen 
ihrer Seidenschuhe." O französische Dichtkunst, welch 
ein durchsichtiges Wässerlein bist du, damit ver- 
glichen. Wenn ich denke, dass man sich noch 
immer an die Büsten hält, an Racine, an Corneille 
und andere Leute von Geist, die zum Sterben 
langweilig sind, so möchte ich heulen. Ich möchte 
(wieder ein Zitat des Alten) sie alle in einem Mörser 
zerstampfen und mit diesen Überbleibseln die Mau* 
ern der Latrinen bemalen. 



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KRITIK 



Ich lese wieder Montaigne. Es ist eigentümlich, 
wie stark dieser Mann mich erfüllt Ist es ein 
Zusammentreffen oder vielleicht darum, weü ich 
als Achtzehnjähriger ein ganzes Jahr lang nur ihn 
las. Aber es ist erstaunlich, wie ich in ihm oft 
die zarteste Zerlegung meiner geringsten Gefühle 
finde. Wir haben denselben Geschmack, dieselben 
Meinungen, dieselbe Art zu leben, dieselben Eigen- 
arten. Es gibt Leute, die ich mehr bewundere als 
ihn, aber nicht einen, den ich nicht lieber ins Leben 
rufen würde, und mit dem ich besser reden könnte. 



DRUCK VON POESCHEL&TREPTE IN LEIPZIG. 



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